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So (oder so ähnlich) könnte es wirklich passiert sein

Die unendliche Geschichte mit der Waschmaschine (AKA „Hans im Glück 2.0“)

Alles begann damit, dass ich aufgrund meines holden Wohnortswechsels eine neue Waschmaschine benötigte. Wobei neu in dem Falle eher im Sinne von bezahlbar zu verstehen ist, denn die Attribute einfach, problemlos und risikofrei sind nun einmal nach wie vor fest mit neu und teuer verknüpft. So begab ich mich auf die Suche nach einem Kompromiss: bezahlbar, aber funktionstüchtig.

„Verkaufe hier meine Akai Waschmaschine, wegen einer Wohnungszusammenführung muss ich sie nun verkaufen. Sie ist ca 2,5 Jahre alt. Sie ist ein treuer täglicher Begleiter mit vielen extras: (…) Leider ist der Keilriemen gerissen, welchen man aber problemlos wechseln kann. mann muss ihn nur von hinten draufstecken. Neupreis eines Keilriemen ca 9,50€ (…)“ – so klang eine zunächst vielversprechende Anzeige auf einer beliebten Internetauktionsplattform. „Nun, einen Keilriemen einfach draufstecken kann ich, da kann man sicher ein gutes Schnäppchen machen“ dachte ich. Also gleich mal bieten, 50 Eur, 3, 2, 1, Zuschlag 🙂

Juchhu! Das war ja leicht! Nur noch abholen, anschließen, fertig ist die Sosse. Also fuhr ich hin, in einen kleinen Vorort von Köln. Es sah nett aus, für das örtliche Schützenfest dekoriert, irgendwie sehr provinziell aber gemütlich. Beim Abholen wurde ich erst einmal darauf hingewiesen, dass ich ein paar Minuten zu spät dran sei. „Etwas kleinkariert“ dachte ich, „aber was soll’s, dann ist die Maschine sicher wenigstens ok.“

„Die Rückwand kann man abnehmen, dann muss man den Riemen nur draufstecken. Hat meine Frau gesagt. Ich hätte es ja selber repariert, aber ich bin viel unterwegs. Sie hat angerufen, dass was nicht geht, da hab ich mir gedacht, egal, kauf eben eine neue Maschine. Aber die läuft ganz toll, werdet ihr viel Spaß mit haben“. Irgendwie mißtraute ich an der Stelle der Sache schon ein wenig, aber gut. Stand da nicht was von Wohnungszusammenführung? Gerissen war der Keilriemen auch, allerdings hing er in Fetzen verkeilt zwischen dem Antriebsrad. Gut, vor Ort wollte ich nicht tiefer in die Analyse einsteigen und so ging es nach Hause.

Dort erwarteten mich die nächsten Überraschungen: Die abnehmbare Rückwand war fest verschweißt und der leicht entfernbare Keilriemen hing bombenfest im Rad. Wegen der verschweißten Rückwand war leider auch kein drankommen möglich. So blieb uns nichts anderes übrig, als ein Loch in die Rückwand zu machen, um die restlichen Keilriemenfetzen mit einer Zange herauszuoperieren. Nach kurzweiligen 2 Stunden war aber auch das geschafft.

Das ist das Schmuckstück

Nun begann jedoch das eigentliche Problem: Wo bekomme ich einen Ersatzkeilriemen her? Stundenlange Internetrecherche ergab hier kein Ergebnis. Jegliches Nachfragen bei Waschmaschinenexperten bescherte uns immer nur dieselbe Antwort: „Akai – wer ist das denn? Die stellen Waschmaschinen her!?“. Und angeblich stehe auf dem Keilriemen eine Längenangabe, wenn man die hätte, könne man das Ersatzteil finden. Auf dem restlichen Fetzen, den ich hatte stand jedoch rein gar nichts. Auch eine Kontaktierung des Herstellers über dessen singapurianische Webseite ergab keine Antwort. Also kontaktierte ich mal meinen Verkäufer, der hatte immerhin behauptet, den Keilriemen gebe es überall für 9,50 € zu kaufen. Auf Mail-Nachfrage kamen jedoch nur Antworten wie „da musst du mal bei Google Keilriemen und Waschmaschine eingeben, da kommen die dann“. Auf diese Expertenidee wäre ich natürlich niemals von alleine gekommen. Aber ich blieb höflich und fragte, ob er mir nicht einen passenden Link geben könne und wo er das Gerät gekauft habe. „Bei Otto“. Gut, da mal angefragt. „Wir haben keine Waschmaschinen von Akai, und auch nie welche verkauft“. Hä? Hm, muss ich nochmal den Verkäufer fragen, nennen wir ihn mal Palo.

„Hallo Palo. Sag mal, hast du zufällig noch das restliche Stück Keilriemen? Da müsste eine Nummer drauf stehen und ohne die komme ich nicht weiter. Und bei Otto haben die die Maschine nicht verkauft, behaupten sie zumindest“. – „Ja, war auch Neckermann, nicht Otto. Hab da mal angerufen, die meinten, nachbestellen sei kein Problem, hier ist die Servicenummer“. Profectis Kundenservice. Gut, mal probieren.

„Guten Tag, Profectis. Technischer Kundenservice von Neckermann, was kann ich für Sie tun?“
„Hallo, ich suche ein Ersatzteil für eine Waschmaschine“
„Wie lautet denn die Artikelnummer“
„Ähm. Weiß ich nicht, ich habe nur den Hersteller und die Modell- und Seriennummer“
„Die bringen mir nichts. Ich brauche die Neckermann Artikelnummer. Oder wenigstens eine Kundennummer, darüber geht das auch.“

Verdammter Rotz! Gut, frag ich mal nach.

„Hallo Palo, ich brauch mal die Artikelnummer von der Maschine. Sonst kann ich nichts nachbestellen.“
„Du nervst langsam ein bisschen. Ich hab nur die Seriennummer.“
„Weißt du, mich nervt es auch langsam ein bißchen. Wenn du etwas kooperativer wärst, würden wir vielleicht auch mal zu einem Ziel kommen. So langsam verliere ich auch die Lust, also entwender du hilfst mir ein wenig, oder du kannst dir deine ***** Maschine wieder abholen und mir mein Geld zurück geben.“
„Schon gut, hier ist meine Kundennummer.“

Na bitte. Gleich mal Profectis anrufen.

„Hallo, Profectis, wie können wir Ihnen helfen?“
„Hallo. Ich brauche ein Ersatzteil!“
„Wie ist die Artikelnummer?“
„Ich habe nur eine Kundennummer.“
„Die bringt mir nichts, ich brauche eine Artikelnummer.“
„Gestern haben Sie gesagt, eine Kundennummer geht auch.“

Was interssiert mich mein Geschwätz von gestern? – ähm – nein, das müssen Sie falsch verstanden haben. So kann ich Ihnen leider nicht helfen, da müssen Sie bei Neckermann anrufen und über die Kundennummer herausfinden, was Sie gekauft haben.“
„Entschuldigung, aber ich habe es nicht falsch verstanden. Sie haben es gesagt. Das werde ich aber jetzt nicht auf meine Servicenummern – Telefonkosten ausdiskutieren. Schönen Tag noch.“

„Willkommen bei Neckermann, wie kann ich Ihnen behilflich sein?“
„Ich suche eine Artikelnummer von einem Gerät um ein Ersatzteil nachzubestellen.“
„Da müssen Sie bei Profectis anrufen.“
„Habe ich eben bereits. Die benötigen aber die Artikelnummer. Und die würde ich von Ihnen gerne wissen.“
„Wie ist Ihre Kundennummer?“
„Sie lautet … „
„Und was wollen Sie da gekauft haben?“
„Eine Waschmaschine.“
„Nein, habe ich keine auf die Artikelnummer.“
„Und können Sie mir vielleicht so helfen? Ist ja immerhin erst 2.5 Jahre her. Es ist ein Gerät von AKAI, Model xyz.“
„Auf welche Kundennummer haben Sie es denn gekauft?“
„Ich habe die Maschine gar nicht persönlich bei Ihnen gekauft, ich brauche auch nur die Artieklnummer.“
„Und wer hat die Maschine sonst gekauft?“
„Spielt doch im Prinzip keine Rolle. Können Sie mir nun helfen oder nicht? Ich bezahle gerade Servicegebühren, falls Sie das nicht wissen. Ich rufe bei Neckermann an und möchte für ein 2.5 Jahre altes Gerät, welches Neckermann verkauft hat, die interne Neckermann Artikelnummer wissen. Können Sie als Neckermann-Mitarbeiterin im Service mir die sagen oder nicht?“
„Nein. Ohne Kundennummer kann ich leider..“
„Jaja, ich weiß. Danke. Tschüss.“

„Hey Palo. Die Kundennummer stimmt nicht.“
„Ja, hab ich dir ausversehen die falsche gegeben. Aber du nervst ja schon wieder, ich dachte wir hätten das jetzt mal langsam abgehakt.“
„Weißt du, wir machen jetzt folgendes: Ich gebe dir 3 Möglichkeiten. Erstens: Du sagst mir die Artikelnummer der Waschmaschine, die steht nämlich auf deiner Rechnung von Neckermann. Zweitens, falls du die nicht mehr hast: Du rufst bei Neckermann an, mit der richtigen Kundennnummer und läßt dir die Artikelnummer durchgeben und teilst sie mir dann mit. Drittens: Du gibst mir mein Geld zurück und holst deine Maschine wieder ab. Notfalls werde ich das mit Hilfe der Auktionsplattform-Rechtsabteilung durchsetzen. Die Artikelbeschreibung entspricht nämlich nicht den Tatsachen, somit ist auch der Kaufvertrag ungültig.“
„Nagut. Hier ist die Artikelnummer.“
„Ähm.. danke.“

„Willkommen bei Profectis.“
„Ich brauche ein Ersatzteil.“
„Ich brauche eine Artikelnummer.“
„Bitte.“
„Danke, 14,04 € kostet der Riemen, 3-4 Tage Lieferzeit.“

Profectis ist übrigens uneingeschränkt zu empfehlen.

Mit ungläubigem Blick und nassen Händen empfange ich nach ca. 3 Tagen das Paket. Kann das wirklich wahr sein? Halluziniere ich nicht einfach nur? Nein, er ist es. Alles ist vorbei, all die Strapazen, alles. Doch Moment. Wie krieg ich das Ding bloß da drauf!? Wäre die Rückwand abnehmbar, wäre es glaube ich kein Problem. Ist sie aber nicht. Der Riemen ist gefühlte 20cm zu kurz. Und elastisch wie eine Brechstange. Einfach draufstecken, wie es in der Artikelbeschreibung versprochen wurde, ist also mal wieder etwas optimistisch betrachtet. Mal im Internet nachlesen, was die so schreiben.

Ich finde tolle Tipps wie „Motor verstellen“, „Keilriemen mit Kabelbindern fixieren und draufziehen“ und dergleichen. Würde wahrscheinlich auch alles gehen, wenn die Rückwand abnehmbar wäre, oder der Motor verstellbar. Nach mehreren erfolglosen Versuchen gebe ich auf. Gefühlt Millimeter vor dem Ziel und entgegen meines Ehrgeizes. Aber ich habe keine Lust und keine Zeit mehr, mich mit diesem Gerät zu befassen. Ich verkaufe es also wieder, immerhin inklusive des Keilriemens und ohne Vorspielung falscher Tatsachen mit insgesamt 30 € Verlust. Vielleicht kriegt ein Profi das hin. Ich nicht. Ich hätte ohnehin nicht einen einzigen Waschgang mit der Maschine ohne ein Grummeln im Bauch durchführen können. Bei manchen Dingen ist es einfach gut, wenn sie weg sind und man sie nie, nie wieder sehen muss. Und Palo bekommt eine neutrale Bewertung. Immerhin hat er halbwegs geduldig mit mir kommuniziert, trotz seiner Unverschämtheiten. Ich bin ja nicht nachtragend.

Nachtrag: Der Käufer hat die Maschine nach einer Woche reklamiert. Er hat den Keilriemen draufbekommen.  Leider hatte Sie einen Lagerschaden und war somit defekt. Ich überweise Ihm ohne Diskussionen sein Geld zurück und er entsorgt die Maschine dafür.

Ich muss sie nie wieder sehen.

Ich habe gewonnen!

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